Warum ADAC-Fahrradtests ein Glaubwürdigkeitsproblem haben

Erscheint es nicht komisch, dass die StiWa ausgerechnet mit dem ADAC einen E-Rad Test macht? Der größte europäische Automobilclub, Lobbyist der Autofahrenden und ein zentraler Akteur der autonormativen Verkehrspolitik hierzulande? Der, der Radfahrenden aus Sicherheitsgründen empfiehlt, sich per Helm zu schützen, aber keinen Grund sieht, dass Tempo in Wohngebieten aus Sicherheitsgründen generell auf 30km/h zu reduzieren? Der, der das Fahrrad immer noch als Freizeit-Verkehrsmittel sieht?

Der ADAC eine neutrale Testinstitution für Fahrräder?

Eine Testinstitution sollte frei von eigenen politischen Interessen sein. Das ist der ADAC in diesem Bereich nicht. Wie Alltags relevant der Stiwa und ADAC Elektrofahrrad-Test ist, habe ich bereits im letzten Artikel kritisch diskutiert (hier). Die Frage, ob dem ADAC die schlechten Ergebnisse vielleicht gut ins Kalkül passen, drängt sich auf. Spätestens nach den folgenden Ausführungen zum Test auf der ADAC Homepage:

„Nach Ansicht des ADAC ist es nicht akzeptabel, dass die Zukunft der Elektromobilität durch mechanische, sicherheitsrelevante Unzulänglichkeiten bei Pedelecs – wie sie im aktuellen Test vorliegen – gefährdet wird. Der Club fordert die Hersteller daher auf, umgehend dafür zu sorgen, dass Rahmen, Lenker und Bremsanlage der Elektroräder den Anforderungen Stand halten und ein Höchstmaß an Sicherheit für Nutzer sowie andere Verkehrsteilnehmer bieten (der ganze Text hier)”

Hier mischt sich ganz deutlich ein politisches Statement mit einem vermeintlich sachlichen Argument aus dem Munde der Testorganisation. Das elektrische Verkehrsmittel, das bereits Millionenfach unterwegs ist und zahlreiche gefährliche und umweltschädigende Autowege ersetzt (mehr dazu hier), dass aber, wenn es um Förderung und Visionen von E-Mobilität geht bei ADAC, Bundesregierung, Verkehrsministerium und weiten Teilen der Medien keine Rolle spielt – dieses Verkehrsmittel soll also jetzt die  “Zukunft der Elektromobilität gefährden?”. Falsch, lieber ADAC, das E-Rad IST die Zukunft der E-Mobilität, im Gegensatz zum trotz Milliarden-Förderungen im Versuchsstadium stagnierenden E-Auto ist das E-Rad seit Jahren zu erschwinglichen Preisen praxistauglich (Das KBA zählte 2012 ganze 2.956 Pkw-Neuzulassungen mit E-Motor). Andere leichte E-Fahrzeuge gehören sicher auch noch zur Zukunft der individuellen E-Mobilität, aber das E-Rad ist unbestrittene Nummer eins (Hinweis: Öffentliche Verkehrsmittel wie die Bahn fahren seit Langem elektrisch, daher die Einschränkung “individuelle Elektromobilität” in Abgrenzung zu “öffentlicher”).

Noch ein Beispiel für tendenziöse Tests von ADAC und StiWa

Dass die Kombination StiWa und ADAC im Fahrradbereich nicht neutral testet, wurde bereits 2010 vom Pressedienst Fahrrad bezüglich eines Radanhänger-Tests bemängelt. Beim Test wurde bei der Untersuchung des Obermaterials der Anhänger für PAK-Schadstoffen (Weichmacher) der Grenzwert des GS-Prüfzeichens für Dinge, die dauerhaft in den Mund genommen werden, angesetzt (etwa Schnuller oder Beißringe), stattdessen hätte die nächst höhere Kategorie (Babykleidung etc.) wohl besser gepasst. Den strengen Grenzwert überschritten einige Modelle, was zu „mangelhaft“-Bewertungen führte. Nun kann man ja sagen, Weichmacher sind immer schlecht, auch in geringer Konzentration. Der Hammer ist aber, dass ADAC und StiWa bei einem nahezu gleichzeitig veröffentlichtem Auto-Kindersitztest PAK erst gar nicht untersuchte. Das Video des Pressedienst Fahrrad (pd-f) gibt es hier.

Fazit

Der größte Automobilclub Europas, der ADAC, ist als Testorganisation für Fahrräder und deren Zubehör per se zweifelhaft. Die beiden Beispiele beweisen meines Erachtens, dass diese Zweifel mehr als berechtigt sind und sich in der Test-Praxis eine deutliche Mischung von politischen Interessen und sachlichen Testverfahren bzw. -berichten zeigt.

Es wäre ein Schritt in die richtige Richtung, wenn die Stifung Warentest ihre Tests ohne den ADAC machen würde, die Möglichkeiten dazu sollten sie haben.

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3 Antworten auf Warum ADAC-Fahrradtests ein Glaubwürdigkeitsproblem haben

  1. Danke! Sehr guter Artikel, der sicher vielen Beteiligten aus der Seele spricht.

    Offenheit und Transparenz, die die StiWa 2010 auf einem Kongress der Fahrradbranche verbindlich zugesagt hatte, ist im aktuellen Test ebensowenig zu sehen, wie der behauptete Realtitätsbezug. Zumindest, wenn man den Aussagen anderer Prüfinstitute und renommierten Verbänden glauben darf, die solche Schadensbilder bei immerhin weit über 1.000.000 Pedelecs im Einsatz bislang in keinster Weise feststellen konnten.

    Wenn die StiWa Testsiegel verkauft, wie sie das aktuelle tut, MUSS sie auch nachvollziehbare Kriterien erstellen und diese offen legen. Sonst ist Willkür und Manipulation Tür und Tor geöffnet.

    Viele Grüße
    Reiner Kolberg

  2. admin sagt:

    Danke. Ich denke auch, es muss sich etwas tun. Es ist auch bei den Herstellern noch Raum für Verbesserungen, genau wie die StiWa meines Erachtens mehr Transparenz und faireren Umgang mit den Herstellern pflegen muss. Man kann nicht das Testheft rausgeben und die Hersteller Wochen auf die genauen Test-Informationen ihrer Räder warten lassen.
    Und bei der Diskrepanz zwischen Realität, anderen Tests, existierenden Normen – die ja alle erheblich weniger Anlass zur Sorge bieten – sollte die StiWa auch noch mal genau erklären, warum ihre Tests so relevant sind. Mag ja sein, dass das alles seine Berechtigung hat, aber das ist so nicht zu klären.
    Ich wäre für einen runden Tisch auf den dann die Karten offengelegt werden…
    So verliert m.E. neben dem E-Rad auch die StiWa an Ansehen…

  3. Albert Lang sagt:

    Sie haben recht.
    Durch solche Tests ergibt sich ein total falsches Qualitätsbild! Manipuliert?

    Beispiel: Vergleich von Kalkhoff mit Raleigh, beides Derby-Räder, die man in baugleicher Ausführung kaufen könnte. Verglichen wurden jedoch verschiedene Ausführungen.
    Raleigh schnitt schlechter ab, weil als Anzeige die einfache LED-Ausführung und bei Kalkhoff die komfortablere LCD -Anzeige gewählt wurde. Könnten beim Kauf auch umgekehrt bezogen werden.
    Beide Derby-Rädern wurden mit Rücktritt gewählt, und gegen Räder ohne Rücktritt verglichen, obwohl die gleichen Räder auch ohne Rücktritt erhältlich sind. Der Nachteile des Rücktritts ist die starre Pedalstellung, was ohne Test bereits bekannt ist.

    Die pauschale Gesamtbewertung ist völlig unnütz.
    Mangelhaft bewertete Räder-Fabrikate sind tatsächlich oft besser als gute.

    Zeitschriften von StiWA und ADAC braucht man nicht zu lesen.
    Es sind nur Schlagzeilen-Tests.

    Tests von ExtraEnergy ergeben eine brauchbarere Qualitätsaussage.

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